Editorial von Carlos

Es geht um Respekt.

Warum neigen wir eigentlich immer dazu zurückzublicken und uns einzureden dass Früher alles besser war, oder zumindest uns darüber zu echauffieren was heute schlechter ist? Ich kann mich davon auch nicht ganz frei machen, denn ich bin jetzt fast 41 Jahre alt und tätowiere seit 20 Jahren. In der Zeit habe ich viele Leute und Trends kommen und gehen gesehen, manches hatte bestand und blieb und manches war von Anfang an zum scheitern verurteilt. Neue Impulse, Inspirationen und auch Medien haben ihren Einzug in die Tattoo-Welt gehalten, vieles davon ist gut und einiges Quatsch, das mag sein, aber nur so entwickeln sich Dinge weiter. Warum ist der Mikrokosmos der Tätowierwelt aber teilweise so verbohrt wenn es um Neuerungen geht? Ich sehe immer häufiger dass Tätowierer offen ihren Unmut gegenüber digitalem Zeichnen oder Rotary Maschinen, in sozialen Medien äußern. Ist das Medium denn so wichtig? Ist es das was einen zu einem „echten“ Tätowierer macht? Gibt der Stil den du tätowierst vor, ob du deine Arbeit und deren Tradition respektierst?Ich denke Nein. Denn wenn das Medium wichtiger ist als das Resultat oder die Originalität dann gute Nacht armes Tattoo Land!

Über den Tellerrand schauen würde einigen in unserer Branche mal sehr gut tun und man schadet weder sich noch dem tätowieren an sich damit. Im schlimmsten Fall lernt man etwas dazu und das schadet ja bekanntlich niemals.

Als ich damals anfing zu tätowieren, das war 1998 bei Fine Line Tattoo in Düsseldorf, lernte ich Arne, über den ihr in dieser Ausgabe einen Bericht findet, kennen und für die folgenden 10 Jahre teilten wir uns einen Arbeitsraum. So lernten wir uns mehr als gut kennen und Arne ist für mich immer ein Paradebeispiel für das „über den Tellerrand gucken“, da er immer sein Ding machte und es sich nicht nur mit seinem tätowieren vertrug, nein es sogar stetig nach vorne brachte. Anfangs war seine Graffiti Herkunft in seinen Arbeiten deutlich zu sehen, was im Laufe der Zeit immer mehr dem wich was er heute macht, den düsteren Illustrationen die, wenn man sie auf Papier sieht nicht direkt mit Tattoos in Verbindung bringen würde, aber trotzdem als solche perfekt funktionieren. Da kommen eine klassische und fundierte Ausbildung zum Tätowierer und die Leidenschaft zum zeichnen und illustrieren zusammen, ohne dass er versucht hat den Tätowiererstatuten zu entsprechen. Und das ist genau das was ich Anfangs meinte, manche neuen Dinge sind gut, ohne diese wären wir alle keine Tätowierer, da diese Gewerbe vor den 90ern für die meisten von uns unerreichbar gewesen wäre. Es sind die Menschen wie mein alter Chef Ralf (R.i.p. mein Lieber) die schon damals über den Tellerrand guckten weil sie trotz ihrer Rocker Herkunft nen Dreadlocks tragenden Graffitimaler wie den Arne oder nen kleinen Dorfjungen, der in ner Hardcore Band spielte wie mich, ausbildeten und uns die Ethik des Tätowierens vermitteln konnten.

Nur weil du Traditional tätowierst und dein Flash mit Pinseln malst bist du kein echterer Tätowierer als jemand der New School macht und digital zeichnet, nein es geht um den Respekt vor dem was du tust und das ist nicht an ein Medium,Stil oder Image gebunden.

Guckt einfach mal was mehr nach links und rechts und sei ein wenig offener, so wie manche der alten Herren, auf die ihr euch beruft. Und vielleicht kannst auch du noch was lernen. Ich versuche mich von allen Seiten inspirieren zu lassen und so offen wie möglich zu sein. So, ich muss jetzt meinen Stift aufladen, auch wenn mich dafür einige nicht mögen, damit ich wieder viele neu Bildchen zeichnen kann.

Ahoi,Carlos

 

 

2die4 Tattoo

CARLOS betreibt seit mehr als 7 Jahren das Private Tattoo-Studio „To Die For Tattoo“ zusammen mit seiner Lebensgefährtin Rafaela.

Instagram: carlos2die4